Truppenaufmarsch mit Artillerie, Panzern und Infanterieeinheiten Die USA und Deutschland warnen Serbien vor einer Eskalation an der Grenze zum Kosovo

Ein kosovarischer Polizist nahe dem Banjska-Kloster
Foto: Armend Nimani / AFPAngesichts wachsender Spannungen zwischen Serbien und dem Kosovo haben die USA die serbische Seite zur sofortigen Deeskalation aufgefordert. Washington äußerte sich am Freitag (Ortszeit) besorgt über einen ungewöhnlichen serbischen Truppenaufmarsch an der Grenze zum Kosovo. US-Außenminister Antony Blinken telefonierte mit Serbiens Staatspräsidenten Aleksandar Vučić, wie das US-Außenministerium in Washington mitteilte.
John Kirby, Kommunikationsdirektor des US-amerikanischen Nationalen Sicherheitsrats
Laut der serbischen Nachrichtenagentur Tanjug bestritt Vučić, größere Militäreinheiten an der Grenze zum Kosovo zusammengezogen zu haben. Der Kommunikationsdirektor des US-amerikanischen Nationalen Sicherheitsrats, John Kirby, sprach hingegen von einem »beispiellosen« Aufgebot von Artillerie und Panzern. »Wir fordern Serbien auf, diese Truppen an der Grenze abzuziehen«, sagte Kirby in Washington. Die Bundesregierung hat sich ähnlich geäußert.
Zwischen #Serbien & #Kosovo darf es keine weitere Eskalation geben. Wichtig, dass Serbien unverzüglich Truppen an der Grenze reduziert. Gemeinsam mit unseren Partnern stehen wir in intensivem Kontakt mit allen Seiten. Der politische Prozess muss dringend fortgesetzt werden.
— Auswärtiges Amt (@AuswaertigesAmt) September 30, 2023
Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.
So reagiert das Kosovo
Kosovos Regierungschef Albin Kurti bat die USA auf der Plattform X, früher Twitter, um Hilfe gegen Belgrads »Kriegspläne«. Demnach telefonierte Kurti mit dem Berater für nationale Sicherheit in den USA, Jake Sullivan.
Encouraging call w/ @POTUS NSA @jakejsullivan. Thanked him for 🇺🇲 support of 🇽🇰 border security & requested increased assistance against Serbia's warfare plans. Assured him of continued Kosova Police cooperation w/ KFOR & that our commitment to protect all citizens is unshakable.
— Albin Kurti (@albinkurti) September 29, 2023
Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.
So reagiert Serbien
In dem Telefonat mit Blinken bezeichnete Vučić die Vorwürfe aus Washington laut der Nachrichtenagentur Tanjug als »Unwahrheiten«.

Der starke Mann in Serbien: Präsident Vučić
Foto: ZORANA JEVTIC / REUTERSMit Blinken sei er sich einig, dass eine Deeskalation und eine »deutlich größere Rolle der Kfor erforderlich« seien, hieß es unter Hinweis auf die Nato-Schutztruppe für das Kosovo. Blinken rief Serbien auch auf, seine Verpflichtungen aus dem Normalisierungsabkommen umzusetzen.
So kam es zu der aktuellen Krise
Das heute fast ausschließlich von Albanern bewohnte Kosovo hatte sich 1999 mit Nato-Hilfe von Serbien abgespalten und 2008 für unabhängig erklärt. Mehr als hundert Länder, darunter auch Deutschland, erkennen die Unabhängigkeit an, nicht aber Serbien, das seine einstige Provinz zurückfordert.
Zu den rund 1,8 Millionen Einwohnern des Kosovo zählen rund 120.000 Serben, die vor allem im Norden des Landes leben. Seit Monaten nehmen die Spannungen im Norden des Kosovo wieder zu. Ein Auslöser war, dass im Mai ethnisch-albanische Bürgermeister in vier Gemeinden mit serbischer Mehrheit die Arbeit aufgenommen hatten. Die vorangegangenen Wahlen waren von den Serben boykottiert worden. Bei darauffolgenden Ausschreitungen wurden unter anderem mehr als 30 Soldaten der Nato-Friedenstruppe KFOR verletzt.
Das von der EU vorgeschlagene Normalisierungsabkommen sieht vor, dass Serbien de facto, aber nicht de jure, das Kosovo anerkennt. Im Gegenzug soll Kosovo die Bildung eines Verbandes der ethnisch serbischen Gemeinden im Nordkosovo zulassen. Pristina sieht in diesem Punkt allerdings die Vorstufe zu einer Abspaltung.
- Serbiens Präsident Aleksandar Vučić: Der Puppenspieler von Belgrad Aus Serbien, Bosnien, Kosovo und Montenegro berichtet Walter Mayr
- Dutzende verletzte Kfor-Soldaten: Was hinter dem Gewaltexzess im Kosovo steckt Von Walter Mayr, Wien
- Europas Unruheherd: Droht ein neuer Krieg um das Kosovo? Aus Pristina berichtet Walter Mayr
Die aktuellen Spannungen hatten am Sonntag ihren Höhepunkt erreicht: Ein 30-köpfiger, schwer bewaffneter serbischer Kommandotrupp hatte sich in der Ortschaft Banjska bei Mitrovica im Nordkosovo Kämpfe mit der kosovarischen Polizei geliefert. Dabei waren drei serbische Angreifer sowie ein kosovarischer Polizist getötet worden.
Der kosovarisch-serbische Spitzenpolitiker und Geschäftsmann Milan Radoicic bekannte sich zu diesem Überfall.
Er behauptete, die Aktion auf eigene Faust ausgeführt und keine offiziellen Stellen in Serbien darüber informiert zu haben. Die Regierung in Pristina hält es hingegen für ausgeschlossen, dass Radoicic auf eigene Faust handelte.
US-Außenminister Blinken verlangte in dem Telefonat mit Vučić, dass die Verantwortlichen, die sich derzeit in Serbien aufhielten, zur Rechenschaft gezogen werden.
So reagiert die Nato
Die Nato hat bereits am Freitag angekündigt, die von ihr geführte Schutztruppe Kfor im Kosovo zu verstärken. Der Nordatlantikrat, das wichtigste Entscheidungsgremium der Organisation, genehmigte die Entsendung zusätzlicher Streitkräfte in das kleine Land. Über die Zahl der zusätzlichen Soldaten machte es keine Angaben.
Nach Informationen der Nachrichtenagentur dpa könnte die Verstärkung von Großbritannien gestellt werden. Das Verteidigungsministerium in London hatte erst vor wenigen Monaten mitgeteilt, dass das Vereinigte Königreich noch bis mindestens 2026 einen »entscheidenden Beitrag« zur Schutztruppe leisten wolle.
Die Kfor ist seit 1999 für die Gewährleistung der Sicherheit in dem Land zuständig. Derzeit gehören ihr nach jüngsten Angaben etwa 4500 Soldaten aus 27 Nato-Ländern und Partnerstaaten an. Deutschland nahm zuletzt mit rund 80 Soldaten am Kfor-Einsatz teil.
Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Texts hieß es, die Regierung in Pristina habe im Mai beschlossen, albanische Bürgermeister in vier Gemeinden mit serbischer Minderheit einzusetzen. Dies ist missverständlich, da dem eine Wahl vorausgegangen war, die von der serbischen Bevölkerung boykottiert wurde. Die kosovo-albanischen Kandidaten erhielten somit die meisten Stimmen. Wir haben die Stelle korrigiert.